„Ich soll mal innehalten.“ Bist Du taub?

„Ich soll mal innehalten.“ Bist Du taub?
Ich habe nicht die halbe Welt bereist,
um Spaß zu haben, wie Du ja wohl weißt.
Da gibt es Sachzwang, Kohle, mit Verlaub:

Es muss hier irgendwie doch weitergehen.
Das Gästehaus, der Garten, sieh Dich um.
der Bienenstock mit allem Drum herum.
Das kostet Geld. Das muss man einfach sehen.

Wie? Meine Frau? Es geht ihr prächtig!
Ich habe ihr ein Paradies erbaut.
Ich habe ihr den größten Traum erfüllt.

Ich habe jahrelang mich mächtig
ins Zeug gelegt – nur auf ihr Wohl geschaut.
Und werd zum Dank jetzt von Dir zugemüllt.

Da stehst Du nun, ich muss mich dran gewöhnen

Da stehst Du nun, ich muss mich dran gewöhnen,
und passe auf, dass Du nicht wieder fällst,
auf Deinem Weg das Gleichgewicht behältst.
Nichts weißt Du mehr von Deinen Töchtern, Söhnen.

Uns Kindern, denen Du die Welt erklärtest,
uns bleiben Drohgebärden, wirre Zeichen,
Signale, die uns nicht wie sonst erreichen.
Wir hören jetzt, wie Du erneut verhärtest.

Wie damals fast, es war nicht immer witzig.
Wir wagten oft nicht, uns vom Fleck zu rühren.
Im Rückblick war da Angst mehr als Respekt.

In Deine wachen Augen schauend sitz ich
Dir gegenüber und versuch zu spüren,
was zwischen Dir und mir an Nähe steckt.

Ich würde es so gern wie sonst genießen.

Ich würde es so gern wie sonst genießen.
Gewiß, die Aussicht ist phantastisch.
Die Berge wirken jetzt erstaunlich plastisch
mit ihren Schatten, die hangaufwärts fließen.

Erinnerst Du Dich? Letztes Jahr, wir stießen
an diesem See auf unser Wohl an. Drastisch!
Als wenn es gestern wäre. Heute tast‘ ich
die Knoten ab, die in der Leiste sprießen.

Die Sonne blendet jetzt nicht mehr, ich hebe
die Kappe ab, sie macht mich eh zum Affen.
„Es muss nicht jeder sehen, wie ich lebe.“

Du setzt Dich zu mir und wir spielen Karten.
Vielleicht, mit etwas Glück, ist es zu schaffen.
Ich hebe ab, Du gibst, wir werden warten.

Ich weiß, Du bist beruflich stark gebunden

Ich weiß, Du bist beruflich stark gebunden.
Die Welt, in der wir leben, ist geborgt.
Und dass sich nur ein Bruchteil aller Menschen sorgt
um das, was uns’re Welt erhält, wieviele Stunden

hab‘ ich mit Dir darüber diskutiert?
Wie oft hast Du mir eindrucksvoll geschildert,
dass nur derjenige das Elend mildert,
der sich global für Menschen engagiert?

Dein Engagement, ich weiß es sehr zu schätzen.
Doch bitte, Schatz, was haben wir von Dir?
Du bist nicht da, wenn wir Dich gerne sähen.

Wir sehen Dich zu Weltkongressen hetzen.
Ich tränke jetzt so gern mit Dir ein Bier
im Garten – und … wir müssten Rasen mähen.

copyright by Harry Boldt

Was heißt hier eigentlich „Ich will es hoffen.“?

Was heißt hier eigentlich „Ich will es hoffen.“,
du wirst doch jetzt nicht etwa eifersüchtig?
Ich kenne meine neuen Chefs nur flüchtig.
Und außerdem, es wird nicht „rumgesoffen“.

Das mit dem Saunaabend, also bitte,
das hat sich bei der Planung so ergeben.
Du glaubst doch etwa nicht, es wär‘ mein Streben,
mir griffe nochmal einer an die Titte?

Dir selbst scheint jedenfalls die Lust vergangen.
Seit Wochen hast Du mich nicht angefasst,
geschweige denn mal etwas angefangen.

Was soll jetzt also diese Szene bloß?
Du weißt, dass Du nichts zu befürchten hast.
Und denk an Oma, Schatz – ich muss jetzt los.

copyright by harry boldt

Der Frühling lässt jetzt kraftvoll alles sprießen

Der Frühling lässt jetzt kraftvoll alles sprießen.
Die Tulpen trotzen halbgelb Wechselwettern.
Man sieht am Gartenzaun den Hopfen klettern.
Ein Quell scheint nun aus allem Sein zu fließen.

So schmiegt sich auch an manche Dichterherzen
ein Drang, der unaufhaltsam Blüten treibt,
dass man erwägen muss „Wer sowas schreibt,
beliebt der nicht vielleicht mit uns zu scherzen?“

Wieso muss allorten überschwänglich
anstatt wie anderzeitig unverfänglich
im Frühling ausgerechnet Lyrik quillen?

Was geht’s mich an? Ich will mich nur beeilen,
Euch dies auf diesem Wege mitzuteilen,
denn lang genug hielt ich mich nun im Stillen.

copyright by harry boldt

Es tut mir leid, der ganze faule Zauber

Es tut mir leid, der ganze faule Zauber
vom Innersten, vom inhaltlich verdichten
ist mir zuwider, ja, ich kann verzichten
auf Euch, Ihr Lyrik-Poesie-Verschrauber.

Wenn mir, warum auch immer, danach ist,
mich haltlos über Nichts und Strophen auszulassen,
will ich mich eben gar nicht kürzer fassen.
Im Gegenteil, den ganzen Lyrikdogma Mist,

der allenthalben schwallt zuweilen
daran zu hindern, ab und dichtzufeilen,
ist, scheint mir fast, Gebot der Stunde.

Ja, dichtet dichter Lyrik Richter.
Quirlt selbst Euch ein und werdet dichter.
Dicht dict, vrdct, vrschwnde.

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Buena Vista

Wenn greise Finger über Seiten gleiten
und Tremolos erschwachter Stimmen hallen
Wenn schräge Töne seltsam passend schallen
Seh ich mich wundersam in Zeiten gleiten,

zu denen jene zur Musik gelangten
mit Combofreunden weil es Ausdruck war
von Leben, Freude, ja von Liebe gar
von Sorgen, die wie uns auch sie umrankten.

Dann schwenke ich im Rhythmus um ins Jetzt
und stell‘ mir vor, dass ich, vorausgesetzt,
ich schaffe es noch eine ganze Weile,

mit Seniorkumpels Klänge produziere,
mich ganz ins Zentrum der Musik verliere
und diese Zeit mit jungen Menschen teile.

copyright by harry boldt

Ich habe, ehrlich, lange nun geschwiegen

Ich habe, ehrlich, lange nun geschwiegen,
mich über Jahre in Geduld geübt,
mir eingeredet, dass mich nicht betrübt,
dass Du mich nervst und blieb ganz ruhig liegen.

Dein Ton allein, ich kann ihn nicht mehr hören.
Du bist, ich sag es offen, mir zu schrill
Du musst mich, auch wenn ich es gar nicht will
auf’s Neue jeden Tag empfindlich stören.

So kann es, tut mir leid, nicht weitergehen,
Ich weiß, was nützt mein ständiges Gemecker?
Mein Leben gilt es, endlich aufzuhellen.

Ich werde Dich ab morgen übersehen.
Zu lange schon gehst Du mir auf den Wecker.
Es wird Dich niemals wieder jemand stellen.

copyright by harry boldt

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