Vereinsmeier

Ein Mensch stellt sich die heikle Frage
Ob er es einfach einmal wage
Vereinsverantwortung zu tragen
Ganz ehrenamtlich sozusagen.
Doch meist ist jener hier verkehrt
Der schon beruflich halb verzehrt
Ja sollte daher strikt vermeiden
Private Ämter zu bekleiden.

Statt dessen aber – und nicht selten
Als würde dies für ihn nicht gelten
Ist unser Mensch bald drangerfüllt
Von Machtesmächten eingehüllt.
Und gleichermaßen er – sich wehrt
Den Posten innerlich begehrt.

So kommt es, daß in den Vereinen
Und sei es auch in winzig kleinen
Es praktisch nie an Leuten mangelt
Im Gegenteil: man oft noch rangelt
Wer, wann, wieviel zu sagen hat
Und sei es nur als kleinstes Rad.

Die Tragik ihren Gipfel findet
Wird ein Verein zwecks dem gegründet.

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Tapetenwechsel

Ein Mensch betrachtet es genau
und insbesondere als Frau:
Die Ziele, die vor ein paar Jahren
Karriere, Reisen, Leben waren,
sind unterdessen traumverblichen
dem Kindersegen reich gewichen.

Nun plärrt und drängt es allerortern
Das Leben ist, mit and’ren Worten,
mit Sicherheit kein Zuckerschlecken,
wenn früh um sechs die Kinder wecken,
um spät nach Dauernervenhämmern
geschichtenhörend einzudämmern.

Der Mensch bedenkt, dass neue Kraft
Tapetenwechsel schafft,
macht kurzerhand als Kurzurlaub
sich eine Woche aus dem Staub,
was durchaus auch als angemessen
gilt, um den Ärger zu vergessen.

Der erste Tag ist glückserfüllt.
Indes der zweite schon enthüllt,
dass innerlich sich die Gedanken
ganz zart in Richtung Heimat ranken,
bis dann am sieb’ten schon ein Blinder
sieht, dass der Ruf der Kinder
den Freiheitswillen übertönt.

Der Mensch erkennt ganz ungeschönt
ins Heimische zurückgekehrt
den familiären Lebenswert
auf wundersame Weise.
Zumindest bis zur nächsten Reise.

copyright by harry boldt

Tangram

Ein Mensch, weltoffen tut sich wichtig
Mit Sachverstand läg‘ stets er richtig.
Die Art, wie er die Dinge sähe
Ob aus der Ferne oder Nähe
Sei ohne Mühe schnell erkannt
Mit salomonischem Verstand.

Denselben Mensch sieht man nun hadern
Weil er versucht mit Rauten, Quadern
Ein einfaches Quadrat zu legen
Doch jäh versagt der Geistessegen.
Die Antwort dann, vorweggenommen,
Nach Stunden, wär‘ ihm nie gekommen.

Der Mensch muß traurig eingestehen
Daß diesen Weg er nicht gesehen
Und schaut beschämt in sich hinein.
Der Groschen fällt – er sieht nun ein:

Es können selbst bei simplen Fragen
Die hellsten Köpfe Bretter tragen.

copyright by harry boldt

Krankenhausgeschicke

Ein Mensch, der heut‘ als Arzt bereit
zu jenem weltberühmten Eid
trotz Nachtarbeit und Dauerstress
drei Finger für Hippokrates
für and’rer Menschen Leben
mit Überzeugung hoch zu heben

verdient Respekt, wenn man bedenkt
dass Krankenhausgeschicke lenkt
wer sich Prof. Dr. schimpft
der erst einmal den Nächsten impft
der weiter unten aufgelistet
als Oberarzt sein Dasein fristet.

Doch heisst’s für den nicht Kasten schwitzen.
Lässt man den Anschiss auf sich sitzen?
Mitnichten Eure Eminenz.
Wozu gibt es denn Assistenz?

Der Assistenzarzt, lang gemacht
hält es derweil für angebracht
die nächste Chance nicht zu verpassen
den Frust an jenem aus zu lassen
der – meistverantwortlich für Fehler –
hinhalten muss als AIP’ler.

„Du Arschloch“, denkt der, „Zapperlott!
Hey komm mal her PJ!
Das soll ’ne Anamnese sein
und du trägst hier Befunde ein?“

So geht es bis zum Hilfsarbeiter
auf schmieriger Hierarchenleiter.

Was soll man machen? Stelle wechseln
um neu beginnend rumzuhechseln?

Nein: anderswo die gleiche Krise
„Mit oder Shit“ heisst die Devise.

copyright by harry boldt

Kalte Füße

Ein Mensch liegt mollig warm im Bett
und findet es so richtig nett,
dass, umso länger er dort bleibt,
die Wärme in den Körper steigt.

Wie angenehm! Doch will bisweilen
ein Unmensch just die Freude teilen.
Eiskalte Füße dann schockieren.
Der Mensch muss leider wieder frieren.

Hier hilft nur eins: die alte Masche
mit Urgroßomas Wärmeflasche.

copyright by harry boldt

Feierabend

Ein Mensch, als schicksalhaften Hieb
erhält den unbeliebten Schrieb,
dass höh’re Kräfte gäben Grund,
der enge Markt, Finanzen und
die allgemeine Auftragslage…

Besprechungen der letzten Tage
ergäben leider zweifelsfrei,
dass kein Geschäft zu machen sei.
Kurzum: die Lage, da fatal
gerate aus dem Jammertal,
wenn konsequent Investitionen,
die mittelfristig sich nicht lohnen,
als Schreckensende einzustellen,
um die Misere zu erhellen.

Bedauernd, dass in diesem Lichte
man auf den Menschen nun verzichte,
ertönt noch manches Trostgeschwalle:
Das Beste sei es wohl für alle!

Und außerdem ganz unbefangen
in neuer Richtung anzufangen,
erweitere oft immerhin
den Blick für diesen Lebens Sinn.

Der Mensch indes ob solcher Phrasen
gerät erst leis‘, dann laut ins Rasen:
„In neuer Richtung, Sinn des Lebens…
Das ist Zynismus – glatt vergebens,
hier eine Sache mitzurunden
in ungezählten Überstunden!“

Nach Arbeit suchend kurz darauf
spricht unser Mensch von Lebenslauf
und Gründen seines Strebens:
„In neuer Richtung, Sinn des Lebens…“

copyright by harry boldt

Entspannung

Ein Mensch, um sich entspannt zu fühlen
Träumt lange schon von Schaukelstühlen
Die durch ein Aneinanderschrauben
Das Schaukeln auch zu zweit erlauben.

Da er nur eigner Kunst vertraut
Wird so etwas höchst selbst gebaut
Doch nach den ersten 20 Skizzen
Kommt unser Mensch alsbald ins Schwitzen.

Und nach drei Stunden Haareraufen
Geht er beherzt sich einen kaufen.

copyright by harry boldt

Eingeladen

Ein Mensch, als Gastgeber auf Festen
Spricht ab und zu mit seinen Gästen
Das eine oder and’re Wort
Dies geht dann so in einem fort
Bis man aus Angst, sich anzuöden
Und um nicht völlig zu verblöden
Die ersten Gähnaktionen startet
Und höflich in der Diele wartet.

Betonend, daß der schöne Abend
Kaum eigentlich begonnen habend
Fast wie im Flug vergangen sei
„Nun, alles geht halt mal vorbei.“

Nachdem die Gäste nun verschreckt
Beziehungsweise aufgeweckt
Geht’s abschiednehmend dann zur Tür
Der Gast bedankt sich noch dafür
Daß man sich solche Mühe machte

Und wieder mal an alles dachte.
„Auf bald und vielen Dank für’s Bier
Die nächste Runde dann bei mir. “

Kaum draußen heißt’s, daß klipp und klar
Der Fraß wohl kaum zu essen war
Und drinnen sagt die gute Frau:
„Was ist das für ’ne fette Sau!“

Sieht man hierin nun was für’s Leben?
Oh ja: es muß Gesprächsstoff geben.

copyright by harry boldt

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